
Visuelle Wahrnehmung
Warum spielen die Augen manchmal nicht mit, obwohl sie doch gesund sind? Wie Lese- und Lernprobleme mit unseren Augenfunktionen zusammenhängen, erfahren Sie im folgenden Abschnitt.
Im Volksmund wird unter „Sehen“ allgemein die Sehschärfe (Visus) verstanden. Dies führt zu vielen Missverständnissen. Beträgt die Sehschärfe beim rechten und linken Auge je 100% oder mehr, ist scheinbar alles in Ordnung.
Trotzdem muss es nichts mit Ausreden zu tun haben, wenn ein Kind klagt, dass es Abbildungen und Wörter an der Tafel und auf dem Activepanel schlecht erkennen kann, das Beamerbild unscharf ist oder dass beim Lesen die Zeilen im Heft flimmern. Manchmal fällt auch dem Lehrer auf, dass sich das Kind ein Auge zuhält oder mit den Haaren bedeckt.
Bei einem konventionellen Sehtest werden die visuelle Wahrnehmungsverarbeitung und die Sehfunktionen nur selten geprüft. Eine Sehschärfe von 100% im Sehtest bedeutet nur, dass auf eine bestimmte Entfernung ein Ding noch erkannt werden kann. Jedoch nicht, dass das Zusammenspiel beider Augen gut funktioniert und / oder die visuelle Verarbeitung einwandfrei ist.
Für ein optimales Sehen müssen alle Sehfunktionen miteinander im Einklang sein. Sind in einem dieser Bereiche Defizite vorhanden, wird kompensiert. Dies benötigt zusätzlich Kraft, Zeit und Konzentration. Der familiäre Alltag, die Schule und auch die sportlichen Aktivitäten können stark darunter leiden.
Hinzu kommt, dass viele Sehfunktionen im direkten Zusammenhang mit den frühkindlichen Reflexen stehen und sich teilweise gegenseitig bedingen.
Zur Sehverarbeitung gehören folgende Einzelbereiche:
Sehschärfe (Visus)
Die Sehschärfe, also das scharfe Sehen in der Nähe und Ferne, wird normalerweise beim Augenarzt oder Optiker überprüft und gegebenenfalls mit einer Brille oder Kontaktlinsen korrigiert. Sie wird in Prozent oder als Zahl angegeben.
Seherfahrungen
Seherfahrungen beschreiben wie das Gehirn visuelle Eindrücke, basierend auf früheren Erfahrungen, interpretiert und scharfe Bilder erzeugt. Die Wahrnehmung wird durch Licht, Farbe und Raum geprägt, wobei das Nervensystem fehlende Details ergänzt.
Vergenzen
Vergenzen sind die gemeinsamen Ein- oder Auswärtsbewegungen der Augen. Beim Blick in sehr weite Entfernungen (ins „Unendliche“) stehen die Augen parallel. Je näher der angeschaute Gegenstand ist, desto mehr schwenken beide Augen gemeinsam nach innen (zur Nase hin). Beide Augen sollten dies mit gleicher Kraftdosierung, gleicher Geschwindigkeit und gleicher Ausdauer, auch beim ständigen Wechsel zwischen Ferne und Nähe, tun.
Visualisieren
Beim Visualisieren mit den Augen wird Gesehenes vom Auge als Lichtreiz aufgenommen. Das Licht fällt durch die Hornhaut und die Linse auf die Netzhaut. Die Sinneszellen (Zapfen für Farben und Stäbchen für Hell / Dunkel) wandeln das Licht dann in elektrische Signale, also Nervenimpulse, um. Der Sehnerv leitet diese Signale an das Gehirn weiter, wo sie interpretiert und im Gehirn zu Bildern verarbeitet werden. So arbeiten die Augen und das Gehirn zusammen.
Fixieren
Fixieren bedeutet, dass je ein Auge oder beide Augen einen Punkt anschauen und der Blick gehalten werden kann. Ein Gegenstand sollte mit je einem oder beiden Augen exakt und lange betrachtet werden können. Diese Funktion ist besonders wichtig für lange und ausdauernde Konzentration beim Betrachten eines Objektes, z. B. beim genauen Lesen bei unbekannten Wörtern und Sachtexten, beim Bearbeiten von grafischen Darstellungen und Tabellen, beim Arbeiten am Tablet oder Laptop. Kann die Fixierung nicht gehalten werden, so verliert der Leser nach kurzer Zeit den Überblick und es kommt zu vermehrten Fehlern.
Akkommodation
Die Akkommodation ist die Fähigkeit des Auges, sich auf verschiedenen Entfernungen scharf zu stellen. Die Augenlinse wird gewölbt oder flach gezogen, je nachdem, ob ein Objekt nah oder weiter entfernt ist. Schaut man in die Ferne, ist die Augenlinse entspannt und relativ flach. Beim Sehen in der Nähe wölbt sich die Linse, sodass auch hier scharf gesehen werden kann. Ab etwa dem 40. Lebensjahr lässt aufgrund von Alterungsprozessen die Fähigkeit zur Naheinstellung nach und es wird zunehmend eine Lesebrille benötigt. Auch bei Kindern kann die Akkommodation schon ungenügend funktionieren. Dies hat dann allerdings andere Ursachen wie z. B. Schielen oder die Einnahme von Medikamenten.
Augenfolgebewegungen
Augenfolgebewegungen bedeuten, dass je ein Auge oder beide Augen einem bewegten Objekt folgen, ohne es aus dem Blick zu verlieren. Schon mit etwa zwei Monaten blickt der Säugling einem bewegten Objekt kurz hinterher. Mit vier bis fünf Jahren kann das Kind einem Objekt mit den Augen in allen Richtungen folgen, ohne den Kopf mitzudrehen. Es werden langsame und schnelle Augenfolgebewegungen unterschieden. Die langsamen werden für Detailgenauigkeit und Ausdauer wie z. B. beim Lesenlernen benötigt. Die schnellen ermöglichen die Objekterkennung und Einschätzung des Objektes, z. B. beim Autofahren oder Ballspielen und beim geübten Lesen.
Sakkaden (Augensprünge)
Die Augensprünge, auch Sakkaden genannt, werden für das flüssige Lesen benötigt. Die Augen vollführen dabei gleitende Hüpfbewegungen von einem Buchstaben zum anderen und von einem Wortende zum nächsten Wortanfang. Sind die Augensprünge zu kurz oder zu lang, werden beim Lesen und Schreiben Buchstaben, Wortteile oder sogar ganze Wörter ausgelassen. Es wird ratend gelesen und der Sinn des Gelesenen kann nicht immer erschlossen werden. Oft wird beim Zeilenumbruch in einer falschen Zeile weitergelesen. Beim Schreiben und Abschreiben fehlen Wörter oder Buchstaben, manchmal sogar ganze Sätze. Es kommt zu unregelmäßigen Randabständen und die Blattaufteilung entspricht nicht der Vorlage. In der Geometrie gelingt das Abzeichnen komplexer Muster nicht und die Logik hinter bestimmten Reihenfolgen kann nicht erkannt werden.
Typische Auffälligkeiten der visuellen Wahrnehmungsverarbeitung
- Konzentrationsschwäche
- Schwierigkeiten beim Lesenlernen
- Leseunlust und geringe Ausdauer beim Lesen
- Buchstaben werden verwechselt und Zahlen verdreht
- schnelles Ermüden beim Lesen, Schreiben und / oder den Hausaufgaben
- beim Schreiben werden die Zeilen nicht eingehalten (Buchstaben „fliegen“), Ober- und Unterlängen sind nicht deutlich
- häufige Flüchtigkeitsfehler
- Augenschmerzen, Augenbrennen, Blinzeln, Reiben, Kopfschmerzen, Lichtempfindlichkeit, Schwindel, Übelkeit, etc.
- Ratelesen
- Endungen werden weggelassen
- Abschreibschwierigkeiten
- Gleichgewichtsprobleme und ungünstige Körperhaltung
- Ungeschicklichkeit im Sport bei Ballspielen, Fehleinschätzung von Geschwindigkeiten und fehlende Zielgenauigkeit
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